Ägypten: Café-Atmosphäre vom “Pharao der Literatur”

Ägypten Roman Karnak-Café

Ein kurzer Roman aus Ägypten von etwa 100 Seiten, mit dem man sich trotzdem übernommen fühlt. “Karnak-Café“ gehört zu einem umfangreichen Mosaik aus über 40 Romanen, 300 Kurzgeschichten und Novellen eines der bedeutendsten Autoren Ägyptens: Nagib Machfus.

Das Karnak-Café ist ein stilvoll eingerichtetes, gemütliches Café im Herzen Kairos, das mehr einem Wohnzimmer gleicht als einem Café. Hier trifft sich regelmäßig eine bunt gemischte Gruppe, die über Gott und die Welt redet. Politisch sind fast alle für die Revolution des Präsidenten Nassers, aber kritisch gegenüber seinen Unterdrückungen.

Geführt wird das Karnak-Café von der ehemaligen Bauchtänzerin Kurunfula. Sie hat sich in einen jungen Gast verliebt, der jedoch plötzlich eines Tages nicht mehr auftaucht. Auch um die anderen verschwundenen Studenten machen sich die Stammgäste des Cafés Sorgen. Nach einiger Zeit tauchen die Studenten wieder auf. Der Leser erfährt nach und nach, was jedem einzelnen von ihnen zugestoßen ist und wie verwoben die einzelnen Geschichten miteinander sind. Der Erzähler ist noch relativ neu in der Gruppe des Karnak-Cafés und lernt sie immer besser kennen.

Ägypten Café
Gemütliches Café in Ägypten | Foto von Mariam Soliman

Sechstagekrieg 1967: Ägypten und Israel

Machfus schrieb Karnak-Café direkt nach Ägyptens Niederlage im Sechstagekrieg. Der Krieg war ein Triumpf, der sich in Israels Gedächtnis eingeprägt hat. Territorial gehörte vor dem Krieg der Gaza-Streifen zu Ägypten, das Westjordanland zu Jordanien und die Golanhöhen zu Syrien. Zur Zeit des Sechstagekrieges hatte noch kein arabischer Staat Israel anerkannt. Es existierten auch keine Friedensverträge zwischen den arabischen Staaten und Israel.

Der sozialistische ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser ließ Mitte Mai 1967 weitere Soldaten auf der Sinaihalbinsel an der Grenze zu Israel stationieren. Dann verlangte er den Abzug der UN-Truppen. Im nächsten Schritt ließ er die Straße von Tiran für israelische Schiffe schließen. Ende Mai erneuerte Ägypten seinen Verteidigungspakt mit Syrien und schloss weitere mit Jordanien und dem Irak. Israel war bis auf den Libanon im Norden eingekreist. Ägypten forderte die anderen Länder sowie Saudi-Arabien Ende Mai auf, ihre Truppen an Israels Grenzen zu positionieren.

Ohne eine formelle Kriegserklärung griff Israel am 5. Juni überraschend alle ägyptischen Flugplätze an, sodass Ägypten bald keine Luftunterstützung mehr erwarten konnte. Auch von der syrischen Luftwaffe wurde über die Hälfte zerstört. Die israelische Armee marschierte in Ägypten bis zum Suezkanal ein. Gleichzeitig eroberte sie auf der anderen Seite das Westjordanland von Jordanien. Zum Schluss erkämpfte sich Israel die strategischen Golanhöhen an der Grenze zu Syrien.

Golanhöhen
Golanhöhen | Foto von Aviv Ben Or

Der Krieg um die Sinaihalbinsel wurde von 1968 bis 1970 weiter geführt und endete mit einem Waffenstillstand. Die Halbinsel war in dieser Zeit für viele junge Israelis ein Sommermärchen geworden. 1979 schlossen Ägypten und Israel Frieden und die Israelis zogen sich von der Sinaihalbinsel zurück.


Pharao der Literatur

Kaum jemand anderes hätte wahrscheinlich so ehrlich und direkt über die Geheimpolizei, ihre Verhörmethoden und die Stimmung im Land nach der Niederlage des Sechstagekrieges schreiben können. Machfus gilt als der “Pharao der Literatur” und ist einer der bekanntesten arabischen Autoren. 1988 erhielt er als erster und bisher einziger arabischer Autor den Literaturnobelpreis.

Basar
Basar Chan el-Chalili in Kairo | Foto von Roberto Lopez

Der literarische Ruf nach mehr Demokratie brachte dem Literaturnobelpreisträger nicht nur Zustimmung ein. 1994 verletzte ihn ein Islamist bei einem Mordanschlag mit einem Messer. Der Autor überlebte, musste aber im Alter von 83 Jahren wieder schreiben lernen. Dies hielt ihn allerdings nicht davon ab, regelmäßig eine Kolumne in der Zeitung Al Ahram zu veröffentlichen.

Machfus starb 2006 im Alter von 94 Jahren in Kairo. Viele haben nach ihm von einem Tief in der arabischen Literatur gesprochen. So wie es in England nach Dickens, in Frankreich nach Balzac und in Russland nach Dostojewski gewesen sein soll. Die ägyptische Revolution im Januar 2011 und den Arabischen Frühling hätte er sehr wahrscheinlich begrüßt. In vielen Großstädten fanden gleichzeitig Demonstrationen gegen den Präsidenten Husni Mubarak statt, der im Februar zurücktrat.

Karnak Tempel Ägypten
Karnak-Tempel | Foto von Kristina Tamašauskaitė
Diese Ausgabe erschien 2010 im Unionsverlag.
Schlagwörter:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.