Thomas Mofolo schrieb Chaka Anfang des 20. Jahrhunderts. Baltasar Lopes veröffentlichte Chiquinho 1947 auf den Kapverden. Aniceti Kitereza hielt mit Die Kinder der Regenmacher 1981 eine Welt am Viktoriasee fest, die heute längst verschwunden ist. Mongo Betis Der arme Christ von Bomba erschien 1956.
Je mehr afrikanische Literatur ich lese, desto häufiger lande ich bei solchen Büchern.
Nicht, weil sie besonders alt wären. Eigentlich sind sie das gar nicht.
Mich fasziniert etwas anderes.
Mit jedem dieser Romane geht man ein Stück weiter zurück. Ein Stück näher an die Zeit, in der viele afrikanische Länder noch unter Kolonialherrschaft standen oder gerade erst auf die Unabhängigkeit zusteuerten. Ich habe das Gefühl, dass dahinter noch viele weitere Geschichten liegen. Romane, die heute kaum noch bekannt sind und darauf warten, wiederentdeckt zu werden.
Genau deshalb suche ich immer wieder in Antiquariaten.
Der arme Christ von Bomba war einer dieser Funde.
Und er hat sich gelohnt.
Worum geht’s?
Ein katholischer Missionar reist durch das koloniale Kamerun und versucht, den Menschen den richtigen Glauben und die richtige Lebensweise beizubringen.
Warum hat mich der Roman überrascht?
Weil ich mit einem trockenen Kolonialroman gerechnet hatte.
Bekommen habe ich eine scharfe Satire.
Pater Drumont läuft durch Kamerun wie ein Mann, der auf jede Frage bereits eine Antwort kennt. Die Dorfbewohner hören ihm höflich zu. Gleichzeitig hat man als Leser immer häufiger den Eindruck, dass sie längst verstanden haben, wer da eigentlich vor ihnen steht.
Die Frauen und Kinder bildeten immer noch einen Kreis um uns; wie Schimpansen, die auch immer an den Platz zurückkehren, dem sie kurz zuvor, bis zu Tode erschrocken, entflohen sind. Sie wollen herausfinden, wer oder was sie so erschreckt hat.
Vor allem die Männer begegnen der Mission zunehmend mit Skepsis. Sie merken, dass es nicht nur um Religion geht, sondern auch darum, ihre Lebensweise zu verändern.
Alles Quatsch! Jesus Christus, Jesus Christus, muss ich den kennen? Komme ich denn zu dir und plaudere mit dir von meinen Vorfahren?
Was erzählt der Roman über den Kolonialismus?
Eine der eindrucksvollsten Episoden dreht sich um den Bau einer Straße durch den Urwald.
Sie soll Kamerun wirtschaftlich erschließen und den Warentransport erleichtern – ein typisches koloniales Infrastrukturprojekt. Solche Straßen wurden im französischen Kamerun häufig durch Zwangsarbeit gebaut.
Mongo Beti zeigt, wie eng Mission und Kolonialherrschaft miteinander verflochten waren.
Pater Drumont erinnert sich an eine andere Straßenbaustelle, an der er sterbenden Zwangsarbeitern einer nach dem anderen die Beichte abnahm. Er hat das Elend gesehen.
Denn das ist so: Sobald man für jemand Mitleid zu empfinden beginnt, fühlt man sich ihm besonders eng verbunden.
Und trotzdem erzählen ihm Kolonialbeamte und selbst sein skeptischer Diener Zacharias, er könne sich eigentlich freuen. Die neue Straße werde der Mission viele neue Gläubige bringen. Die erschöpften Arbeiter würden Schutz suchen und deshalb leichter zur Kirche finden.
Gerade dieser Widerspruch macht den Roman so stark.
Kurz zuvor hatte Drumont den Menschen noch gepredigt, das Unglück werde über sie kommen, weil sie sich Gottes Geboten widersetzten. Dass ihr Leid zugleich das Ergebnis kolonialer Zwangsarbeit ist, scheint in dieser Logik kaum eine Rolle zu spielen.
Mongo Beti muss das nicht kommentieren.
Er zeigt den Widerspruch – und überlässt den Rest seinen Leserinnen und Lesern.
Warum lohnt sich der Roman?
Vor allem, weil er einen Blick auf Kamerun wirft, den man in europäischen Romanen über die Kolonialzeit kaum findet.
Hier erklärt kein Europäer Afrika.
Hier beschreibt ein kamerunischer Autor mit viel Ironie und erstaunlich feinem Humor, wie Mission, Kolonialverwaltung und die Menschen vor Ort aufeinanderprallen.
Fast siebzig Jahre nach seinem Erscheinen liest sich das immer noch überraschend lebendig.
Die größte Herausforderung besteht heute nicht darin, die knapp 300 Seiten zu lesen.
Sondern überhaupt noch ein Exemplar zu finden.
Meins kam aus einem Antiquariat.
Und ich hoffe, dass ich noch viele solcher Funde mache.
Diese Ausgabe erschien 1988 beim Verlag Volk und Welt in Berlin.

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