Ist afrikanische Philosophie kulturell oder universell?

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Im ersten Beitrag ging es um die Entstehung afrikanischer Philosophie, danach um ihre verschiedenen Richtungen und Versuche, diese zu ordnen. Jetzt stellt sich die grundlegendste Frage: Ist Philosophie an Kultur gebunden – oder gilt sie überall auf die gleiche Weise?

  1. Wie afrikanische Philosophie entstanden ist
  2. Welche Richtungen gibt es in der afrikanischen Philosophie?
  3. Wie lässt sich afrikanische Philosophie überhaupt einteilen?
  4. Ist afrikanische Philosophie kulturell oder universell? 

Zwei Lager – und was danach kommt

Irgendwann wird der Streit ziemlich übersichtlich. Zumindest auf den ersten Blick.

Viele der komplizierten Einteilungen, die wir vorher gesehen haben, lassen sich am Ende auf eine einfache Spannung herunterbrechen:
Auf der einen Seite stehen diejenigen, die sagen, afrikanische Philosophie müsse aus ihrer eigenen Tradition heraus gedacht werden. Auf der anderen Seite diejenigen, die Philosophie als etwas Universales verstehen, unabhängig von Kultur, Herkunft oder Geschichte.

Henry Odera Oruka hat genau das schon früh gesehen. Und später greifen andere das auf.
Peter O. Bodunrin nennt sie ganz schlicht: Traditionalisten und Modernisten.

Die einen schauen zurück. Die anderen nach vorne.

Die Traditionalisten fragen: Was ging verloren? Was lässt sich wiederfinden?
Die Modernisten fragen: Wie geht es weiter? Wie wird Philosophie anschlussfähig, wissenschaftlich, global?

Und gerade bei Bodunrin merkt man, wie klar diese Position formuliert sein kann. Sein Text The Question of African Philosophy ist einer von denen, die sich fast beiläufig lesen lassen, obwohl es eigentlich um ziemlich grundlegende Fragen geht. Sein Stil ist direkt, unaufgeregt und sehr klar. Man versteht schnell, worum es ihm geht, und genau das macht ihn überraschend angenehm zu lesen. Fast schon unterhaltsam, ohne dass er an Schärfe verliert.

Die Sache mit der „reinen“ Kultur

Bodunrin hat für die Modernisten eine ziemlich klare Haltung.

Er sagt im Grunde: Die Idee einer „reinen“ afrikanischen Kultur ist eine Illusion. Kulturen haben sich schon immer beeinflusst. Sie haben voneinander gelernt, sich verändert, Dinge übernommen.

Oder einfacher gesagt: Niemand denkt im luftleeren Raum.

Wenn das stimmt, dann ergibt auch die Suche nach einer völlig ursprünglichen, unberührten afrikanischen Philosophie wenig Sinn. Stattdessen wird etwas anderes wichtig: Austausch.

Philosophie ist dann nicht mehr an einen Ort gebunden, sondern Teil eines größeren Gesprächs.

Und genau hier wird es interessant

Denn an diesem Punkt taucht eine Perspektive auf, die versucht, diese Fronten zu verschieben: die interkulturelle Philosophie.

Ein Name, der hier wichtig ist, ist Heinz Kimmerle.

Er sagt nicht einfach: Alles ist gleich. Aber auch nicht: Alles ist getrennt.

Stattdessen beschreibt er ein Spannungsfeld. Kulturen vermischen sich, verändern sich, verlieren vielleicht etwas von ihrer „Reinheit“. Gleichzeitig entsteht aber auch etwas Neues. Neue Denkweisen, neue Möglichkeiten.

Und genau hier bekommt Philosophie eine andere Rolle.

Nicht mehr nur als feste, neutrale Wissenschaft. Sondern als etwas, das selbst Teil dieser Bewegungen ist. Etwas, das mit Kultur zusammenhängt, von ihr geprägt ist und sie gleichzeitig reflektiert.

Keine zwei Welten mehr

Die alte Gegenüberstellung war klar: afrikanisch oder westlich.

Die interkulturelle Philosophie stellt diese Trennung in Frage.

Sie sagt: Es gibt Unterschiede, ja. Aber diese Unterschiede existieren innerhalb eines gemeinsamen Rahmens. Man könnte sagen: verschiedene Stimmen innerhalb eines größeren Gesprächs.

Kimmerle spricht hier von einem „Multiversum“ der Kulturen. Kein Zentrum, keine Hierarchie, sondern viele Perspektiven, die nebeneinander bestehen.

Und Philosophie gehört zu jeder dieser Kulturen. Sie ist nicht exklusiv europäisch. Sie ist etwas, das überall entsteht, nur auf unterschiedliche Weise.

Was bedeutet das für afrikanische Philosophie?

Vielleicht genau das: dass sie nicht mehr ständig beweisen muss, dass sie existiert.

Sondern dass sie Teil eines größeren Zusammenhangs ist, in dem unterschiedliche Formen von Denken aufeinandertreffen.

Der Streit zwischen Traditionalisten und Modernisten wirkt aus dieser Perspektive fast wie eine Übergangsphase. Wichtig, aber nicht das letzte Wort.

Denn am Ende geht es weniger darum, sich für eine Seite zu entscheiden.
Sondern darum zu verstehen, wie diese Seiten überhaupt entstanden sind – und wie sie miteinander ins Gespräch kommen können.

Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem afrikanische Philosophie heute am spannendsten wird.

Dieser Text ist aus einem Kapitel meiner Masterarbeit entstanden — nur etwas weniger akademisch erzählt.
Universität Siegen: Masterarbeit zur afrikanischen Philosophie

Zum vorherigen Beitrag:
→ Wie lässt sich afrikanische Philosophie überhaupt einteilen?

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