Republik Kongo: Satire einer absurden Diktatur

Verschlungenes Leben

“Verschlungenes Leben“ ist eine Satire moderner afrikanischer Diktaturen von Sony Labou Tansi aus der Republik Kongo. Das Original erschien 1979 in Paris. Im Mai 2020 nennt Radio France Tansi einen der innovativsten Autoren der zeitgenössischen afrikanischen Literatur.

Wir sind in dem imaginären afrikanischen Land Katamalanasien und werden von einer grotesken Diktatur unter dem Regime des Führers der Vorsehung regiert. Die Satire beginnt mit einem absurd brutalen Gemetzel des Rebellenführers Martial und ist sehr bildhaft, blutig und bizarr erzählt. Der Führer wirft Martial die Schuld an 20 Bürgerkriegen vor. Zudem habe das Volk ihn Seite an Seite mit dem “Hippie von Nazareth” gesehen, rechtfertigt sich der Führer.

“Die Unabhängigkeit ist kein Honigschlecken”, wiederholt Martials Tochter Chaidana später dessen Worte. Sie, ihre Mutter und Geschwister müssen zusehen, wie der Führer der Vorsehung Martial in Stücke zerlegt. Mehr noch: Als gediegener Kannibale zwingt der Führer sie, die Überreste zu essen.

Nachdem sie tagelang Menschenfleisch gegessen haben, erbrechen sie schwarze Farbe, die sich nicht abwaschen lässt. Der Führer nennt es Martialschwarz und verbietet die Farbe im ganzen Land. Trotz alledem weigert sich Martial immer noch, vollends zu sterben und wird dem Führer zum Fluch.

"Ein Toter ohne Lebende ist ebenso unglücklich wie ein Lebender ohne Tote."
Sprichwort
Martialschwarz wird in ganz Katamalanasien verboten. | Foto von Lenny Miles

Korruptes Katamalanasien

Der Leibarzt des Führers erzählt Chaidana eines Tages von seiner Anfangszeit als Gesundheitsminister. Als erstes riet man ihm, Geld auszugeben. Denn ein Minister lebe von 20% der Ausgaben seines Ministeriums. Er könne alle Gesundheitseinrichtungen mit einer neuen Farbe anstreichen und überteuerte Reparaturen durchführen lassen. Und als Nächstes eine Plakat-Kampagne gegen die Mücke entwerfen, was locker einige Millionen kosten würde.

"Kennst du nicht das Sprichwort: wer schweigt, stimmt zu?"
Sprichwort

Derweil prahlt der Führer der Vorsehung über den regelrechten Hof, den die Franzosen ihm in den Verhandlungen zur Meeresnutzung Katamalanasiens machen. Sie seien so darauf angewiesen, dass ihre Liebe schon beinahe echt sei. Die europäischen Fangflotten sind auch vor der Küste Senegals ein Problem.

Das Volk der “Pygmäen” in der Republik Kongo

Der Wald ist im Roman der Gegenpart zum Drüben, der Welt seiner Exzellenz und Diktatur, die im Wald egal sind. Der Wald hat das Drüben nicht nötig, er ist unendlich. Die Waldmenschen im Roman kennen sich mit allerlei Säften, Kräutern, Blättern, Lianen und Wurzeln des Waldes Katamalanasiens aus. Für jede Befindlichkeit gibt es ein Heilblatt oder einen Heilsaft.

Die Waldmenschen sind die unterschiedlichen Völker, die zu den Pygmäen gezählt werden. Das Wort Pygmäe stammt von dem altgriechischen Wort für Faust ab und ist anscheinend eine reine Fremdbezeichnung. Die Völker haben selbst keinen Sammelbegriff. Das wichtigste Merkmal ist, dass die Einwohner der Völker um die 150 cm groß sind.

Die Völker leben in Zentralafrika verteilt: In der Republik Kongo, der Zentralafrikanischen Republik, in der Demokratischen Republik Kongo, in Gabun, Kamerun… Zu ihnen werden etwa 150.000 bis 200.000 Menschen in Zentralafrika gezählt.

Waldelefant
Waldelefant | Foto von Nicole Olwagen

Demokratische- und Republik Kongo

Die Demokratische Republik Kongo hat über 100 Millionen Einwohner und in ihrer Hauptstadt Kinshasa leben über 11 Millionen. Die Republik Kongo hat etwas mehr als 5 Millionen Einwohner, in ihrer Hauptstadt Brazzaville leben fast 2 Millionen. Flächenmäßig ist die DR Kongo fast sieben Mal so groß wie ihr Nachbarland Republik Kongo.

Um die gleichklingenden aber sehr unterschiedlichen Länder einfacher außeinander halten zu können, werden sie auch “Kongo-Kinshasa” und “Kongo-Brazzaville” genannt.

Ein entscheidender Unterschied zwischen den Ländern ist, dass die Republik Kongo von den Franzosen und die Demokratische Republik Kongo von den Belgiern kolonialisiert wurde. Der belgische König Léopold II gilt wahrscheinlich als der grausamste Kolonialherr. Er war unter anderem für das Kongogräuel verantwortlich, in dem die Bevölkerung grausam zur Kautschukgewinnung gezwungen und versklavt wurde. Erst seit 1997 heißt die Demokratische Republik Kongo wieder so, nachdem sie 26 Jahre lang “Zaire” hieß. Und erst seit 1991 heißt das Nachbarland wieder Republik Kongo, nachdem es 22 Jahre lang die sozialistische Volksrepublik Kongo war.

"Einem Sprichwort zufolge gab dir der Ehrwürdige Vater eine Aubergine, um dann den ganzen Fruchtgarten an sich zu reissen."
Sprichwort
Kautschuk Kongo
Aus Kautschuk werden Reifen, Radiergummies, Gummibänder… hergestellt. | Foto von Abhilash Jacob

Sony Labou Tansi

So kommt es vor, dass ein Bürger jünger ist als sein Staat… Geboren als Marcel Ntsoni, verwendete Tansi beim Schreiben das Pseudonym Sony Labou Tansi zu Ehren des kongolesischen Autors Tchicaya U Tam’si. Tansi kam 1947 in der Demokratischen Republik Kongo zur Welt, die damals noch die Kolonie Belgisch-Kongo war.

Als Tansi 12 Jahre alt war, wanderte seine Familie in das Nachbarland Republik Kongo aus. Die frühere französische Kongo-Kolonie wurde 1958 autonom und wie die Demokratische Republik Kongo 1960 unabhängig. Tansi ging in Brazzaville zur Schule und studierte Literatur. Er wurde Englisch- und Französisch-Lehrer und begann, nebenbei für das Theater zu schreiben. 1979 gründete er in Brazzaville das Rocado Zulu Théàtre, das in Europa auftrat.

Verschlungenes Leben ist Tansis erster Roman und erschien 1979. Für seinen dritten Roman “Die tödliche Tugend des Genossen Direktor” erhielt er 1983 den Literaturpreis Grand Prix littéraire de l’Afrique noire in Paris. Er starb 1995 in Brazzaville an den Folgen von AIDS

Diese Ausgabe erschien 1981 beim Eco-Verlag in Zürich.

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