Im ersten Beitrag ging es um die Entstehung – jetzt wird es konkreter: Welche unterschiedlichen Wege hat afrikanische Philosophie eigentlich genommen?
- Wie afrikanische Philosophie entstanden ist
- Welche Richtungen gibt es in der afrikanischen Philosophie?
- Wie lässt sich afrikanische Philosophie überhaupt einteilen?
- Ist afrikanische Philosophie kulturell oder universell?
Welche Schulen gibt es in der afrikanischen Philosophie?
Wenn man die Geschichte der afrikanischen Philosophie sortieren will, merkt man schnell: Es gibt nicht nur eine Linie. Eher mehrere Stimmen, die gleichzeitig sprechen, sich widersprechen und manchmal auch aneinander vorbeireden.
Einer der wichtigsten Versuche, dieses Durcheinander zu ordnen, stammt von Henry Odera Oruka (Kenia). 1978 stellte er vier zentrale Trends afrikanischer Philosophie vor. Seine Einteilung wurde später ziemlich einflussreich, weil sie genau dort ansetzt, wo die große Streitfrage beginnt: Was zählt eigentlich als afrikanische Philosophie?
Für Oruka war diese Frage nicht nur theoretisch. Er wollte wissen, wo Philosophie im strengen Sinn zu finden ist. Also nicht nur Weltanschauung, nicht nur Kultur, nicht nur Überlieferung, sondern kritisches, begründetes Denken.
Ethnophilosophie: Das Denken der Gemeinschaft
Die erste Richtung ist die Ethnophilosophie. Sie sucht Philosophie in den Traditionen afrikanischer Völker: in Mythen, Sprichwörtern, religiösen Vorstellungen und Weltbildern.
Namen wie Placide Tempels und John Mbiti sind hier zentral. Tempels schrieb über die sogenannte Bantu-Philosophie und stellte den Begriff der „vital force“, der Lebenskraft, in den Mittelpunkt. Mbiti wiederum verband afrikanisches Denken stark mit Religion.
Das Problem daran: Viele Kritiker fragten später, ob hier wirklich Philosophie betrieben wird oder ob eher Kultur beschrieben wird. Oruka war skeptisch. Für ihn war Ethnophilosophie zu kollektiv, zu wenig kritisch, zu nah an Religion und Mythos.
Trotzdem war sie wichtig. Sie hat überhaupt erst den Raum geöffnet, in dem über afrikanische Philosophie gestritten werden konnte.
Weisheitsphilosophie: Der Weise antwortet selbst
Oruka wollte aber nicht einfach sagen: In mündlichen Traditionen gibt es keine Philosophie. Sein eigener Gegenentwurf war die Weisheitsphilosophie.
Die Idee ist spannend: Man sucht nicht nach dem, was „ein Volk“ angeblich denkt, sondern spricht mit einzelnen Weisen. Mit Menschen, die in ihrer Gemeinschaft als klug gelten, aber ihre Ansichten auch begründen können.
Der entscheidende Punkt ist also nicht Weisheit allein. Erst wenn jemand kritisch nachdenkt, argumentiert und seine Position erklären kann, wird daraus für Oruka Philosophie.
Damit versucht er einen Mittelweg. Afrikanische Philosophie kann aus mündlichen Traditionen kommen, aber sie darf nicht einfach als kollektive Weltanschauung stehen bleiben.
Nationalistisch-ideologische Philosophie: Denken nach der Kolonialzeit
Eine weitere Richtung ist die nationalistisch-ideologische Philosophie. Hier wird Philosophie politisch.
Denker und Politiker wie Léopold Sédar Senghor (Senegal), Aimé Césaire, Kwame Nkrumah (Ghana) und Julius Nyerere (Tansania) fragen nicht nur, was afrikanische Identität ist. Sie fragen auch, wie nach der Kolonialzeit eine freie afrikanische Gesellschaft aussehen kann.
Bei Senghor und Césaire spielt die Négritude eine große Rolle. Es geht um die Wiedergewinnung schwarzer Identität, um Würde, Kultur und Selbstbehauptung. Bei Nkrumah und Nyerere kommt stärker der Gedanke eines afrikanischen Sozialismus dazu: Gemeinschaft, Verantwortung, gemeinsamer Besitz, politische Unabhängigkeit.
Diese Richtung ist weniger abstrakt. Sie denkt nicht nur über Afrika nach, sondern will Afrika nach der Kolonialzeit neu ordnen.
Professionelle Philosophie: Jetzt wird es streng
Dann kommt die professionelle Philosophie. Und mit ihr wird der Ton deutlich schärfer.
Philosophen wie Paulin Hountondji (Benin), Kwasi Wiredu, Peter Bodunrin (Nigeria) und auch Oruka selbst bestehen darauf, dass Philosophie eine kritische Disziplin ist. Sie soll argumentieren, prüfen, widersprechen, begründen.
Hountondji formuliert besonders klar: Afrikanische Philosophie ist nicht einfach das Weltbild eines Volkes. Sie besteht aus Texten von afrikanischen Autoren, die selbst philosophisch arbeiten.
Das ist eine starke Verschiebung. Nicht mehr „Was denkt die Gemeinschaft?“, sondern: Wer argumentiert? Wer schreibt? Wer verantwortet einen Gedanken?
Damit richtet sich die professionelle Philosophie vor allem gegen die Ethnophilosophie. Nicht, weil Tradition unwichtig wäre, sondern weil Tradition allein noch keine Philosophie ist.
Hermeneutik und Literatur: Sprache, Deutung, Erzählung
Später ergänzt Oruka noch zwei weitere Richtungen: die hermeneutische und die literarische Philosophie.
Die hermeneutische Philosophie beschäftigt sich mit Sprache, Übersetzung und Interpretation. Barry Hallen, J. Olubi Sodipo und Kwasi Wiredu zeigen zum Beispiel, wie schwierig es ist, Begriffe einfach von einer Sprache in eine andere zu übertragen. Manchmal wirkt ein Denken nur deshalb „unlogisch“, weil es schlecht übersetzt wurde.
Die literarische Philosophie findet philosophische Gedanken in Romanen, Gedichten, Essays und Erzählungen. Hier tauchen Namen wie Chinua Achebe und Wole Soyinka auf. Das passt besonders gut, weil afrikanisches Denken eben nicht immer im klassischen philosophischen Traktat auftaucht. Manchmal steckt es in Geschichten.
Warum diese Einteilung wichtig ist
Orukas Einteilung ist nicht nur eine Liste von Schulen. Sie zeigt, worum der Streit eigentlich geht.
Die einen suchen afrikanische Philosophie in Tradition, Religion, Gemeinschaft und mündlicher Überlieferung. Die anderen sagen: Philosophie braucht Kritik, Argumentation und individuelle Verantwortung.
Und dazwischen stehen Versuche, beides zusammenzubringen.
Genau deshalb ist dieses Kapitel so wichtig. Es zeigt die Bühne, auf der die große Debatte später ausgetragen wird. Bevor gestritten wird, was afrikanische Philosophie ist, muss man erst sehen, welche Stimmen überhaupt im Raum sind.
Dieser Text ist aus einem Kapitel meiner Masterarbeit entstanden — nur etwas weniger akademisch erzählt.
Universität Siegen: Masterarbeit zur afrikanischen Philosophie
Zurück zum Anfang:
→ Wie afrikanische Philosophie entstanden ist
Weiter zum nächsten Beitrag:
→ Wie lässt sich afrikanische Philosophie überhaupt einteilen?

Schreibe einen Kommentar