Dieser Beitrag ist der Auftakt einer Reihe zur afrikanischen Philosophie. Am Anfang steht eine überraschend einfache Frage: Wann beginnt afrikanische Philosophie eigentlich und warum überhaupt?
- Wie afrikanische Philosophie entstanden ist
- Welche Richtungen gibt es in der afrikanischen Philosophie?
- Wie lässt sich afrikanische Philosophie überhaupt einteilen?
- Ist afrikanische Philosophie kulturell oder universell?
Wo fängt das eigentlich an?
Wenn man sich zum ersten Mal ernsthaft mit afrikanischer Philosophie beschäftigt, stolpert man ziemlich schnell über eine Frage, die einfacher klingt, als sie ist. Wann beginnt sie eigentlich?
Man könnte erwarten, dass es dafür ein klares Datum gibt. Gibt es aber nicht.
Der nigerianische Philosoph Jonathan O. Chimakonam zieht eine ziemlich saubere Linie und sagt: Wirklich „systematisch“ wird afrikanische Philosophie erst im 20. Jahrhundert, ungefähr ab 1920. Alles davor, also das, was in Geschichten, religiösen Vorstellungen oder mündlichen Traditionen steckt, gehört für ihn eher zu einer Vorgeschichte. Wichtig, aber nicht Philosophie im engeren, akademischen Sinn.
Und genau an dieser Stelle beginnt das Unbehagen.
Denn andere schauen auf denselben Ausgangspunkt und sagen: Vielleicht beginnt afrikanische Philosophie gar nicht mit einem Datum, sondern mit einem Konflikt.
Der kenianische Philosoph Dismas A. Masolo erzählt diese Geschichte anders. Für ihn beginnt etwas Entscheidendes in dem Moment, in dem europäische Denker wie Immanuel Kant oder Georg Wilhelm Friedrich Hegel anfangen, über Afrika zu schreiben und Afrikanern dabei Rationalität, Geschichte oder philosophische Tiefe absprechen. Spätestens da entsteht Widerspruch. Und dieser Widerspruch ist nicht nur politisch oder kulturell, sondern auch philosophisch.
Wenn man so will, beginnt afrikanische Philosophie hier nicht aus Staunen, sondern aus Frust. Aus dem Gefühl heraus, dass etwas nicht stimmt und dass man das selbst klären muss.
Die erste Bewegung: nach innen schauen
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts passiert genau das. Viele Denker beginnen, sich ihren eigenen Traditionen zuzuwenden – nicht aus Nostalgie, sondern aus der Frage heraus: Was steckt da eigentlich an Denken drin?
Man sammelt Sprichwörter, analysiert Mythen, beschreibt religiöse Vorstellungen. Namen wie John Mbiti oder Placide Tempels tauchen hier immer wieder auf. Später wird das Ganze „Ethnophilosophie“ genannt – ein Begriff, der schon zeigt, dass hier nicht alle ganz zufrieden sind.
Parallel dazu passiert etwas fast noch Interessanteres: Philosophie wird politisch. Figuren wie Kwame Nkrumah (Ghana) oder Julius Nyerere (Tansania) denken nicht nur darüber nach, was afrikanische Identität ist – sie versuchen, daraus konkrete Gesellschaftsmodelle zu entwickeln. Sozialismus, Humanismus, Gemeinschaft: alles Begriffe, die hier eine sehr spezifische Färbung bekommen.
Philosophie ist in dieser Phase also nicht nur Nachdenken, sondern auch ein Versuch, etwas wieder aufzubauen, das verloren gegangen ist.
Und dann kommt die unangenehme Frage
Irgendwann reicht das einigen nicht mehr.
Ab den 1960ern wird der Ton schärfer. Vor allem jüngere, oft im Westen ausgebildete Philosophen schauen sich diese ganzen Rekonstruktionen an und fragen ziemlich direkt: Ist das überhaupt Philosophie?
Oder anders gesagt: Reicht es, zu beschreiben, wie ein Volk denkt oder muss Philosophie nicht immer auch kritisch, argumentativ und individuell sein?
Das ist der Moment, in dem die Debatte kippt.
Auf der einen Seite stehen diejenigen, die sagen: Afrikanische Philosophie steckt in kollektiven Weltbildern, in gemeinsam geteiltem Wissen.
Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die sagen: Ohne Kritik, ohne Methode, ohne individuelle Argumentation ist es keine Philosophie.
Der US-amerikanische Philosoph Lucius Outlaw bringt noch eine zusätzliche Irritation ins Spiel: Vielleicht liegt das Problem gar nicht nur bei Afrika, sondern bei den Maßstäben selbst. Vielleicht muss man erst verstehen, wie diese westlichen Kategorien entstanden sind, bevor man sie überall anlegt.
Und plötzlich geht es nicht mehr nur um Afrika. Es geht darum, wer eigentlich festlegt, was Philosophie ist.
Der Versuch, sich irgendwo in der Mitte zu treffen
In den 1980ern gibt es dann Versuche, diese Fronten zu entschärfen. Philosophen wie Kwame Gyekye (Ghana) oder Kwame Anthony Appiah versuchen, beides zusammen zu denken: die Ressourcen der eigenen Tradition und die Werkzeuge kritischer Philosophie.
Das klingt nach einer guten Lösung. In der Praxis bleibt es schwierig.
Denn sobald man beides mischt, stellt sich sofort die nächste Frage: Was davon ist noch „afrikanisch“ – und was ist einfach Philosophie wie überall sonst?
Eine endgültige Antwort gibt es nicht. Aber vielleicht ist genau das der Punkt.
Heute: weniger Grundsatz, mehr eigene Stimmen
Ab den 1990ern verschiebt sich etwas. Die große Grundsatzdebatte verliert an Schärfe. Statt immer wieder zu fragen, was afrikanische Philosophie ist, fangen viele einfach an, sie zu machen.
Der ghanaische Philosoph Kwasi Wiredu spricht von „mentaler Dekolonialisierung“. Sein Vorschlag ist fast unscheinbar: Denke in deiner eigenen Sprache. Prüfe Begriffe daran, ob sie sich überhaupt sinnvoll übersetzen lassen. Und merke dabei, wie viel du vielleicht unbewusst übernommen hast.
Andere gehen noch weiter. Der nigerianische Philosoph Innocent I. Asouzu entwickelt mit seiner Idee der „komplementären Reflexion“ einen eigenen Ansatz, der aus lokalen Traditionen kommt, aber nicht dort stehen bleibt.
Und vielleicht ist das die interessanteste Entwicklung:
Dass afrikanische Philosophie heute nicht mehr nur darum kämpft, anerkannt zu werden, sondern sich zunehmend einfach selbst behauptet.
Dieser Text ist aus einem Kapitel meiner Masterarbeit entstanden — nur etwas weniger akademisch erzählt.
Universität Siegen: Masterarbeit zur afrikanischen Philosophie
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→ Welche Richtungen gibt es in der afrikanischen Philosophie?

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