Wie lässt sich afrikanische Philosophie überhaupt einteilen?

By

3–4 Minuten

To read

Im ersten Beitrag ging es um die Entstehung afrikanischer Philosophie, im zweiten um ihre verschiedenen Richtungen. Jetzt stellt sich die nächste Frage: Lässt sich das alles überhaupt sinnvoll ordnen?

  1. Wie afrikanische Philosophie entstanden ist
  2. Welche Richtungen gibt es in der afrikanischen Philosophie?
  3. Wie lässt sich afrikanische Philosophie überhaupt einteilen?
  4. Ist afrikanische Philosophie kulturell oder universell?

Gibt es überhaupt eine Ordnung in all dem?

Wenn man denkt, man hätte die wichtigsten Strömungen der afrikanischen Philosophie halbwegs verstanden, kommt der nächste Dämpfer: Es gibt nicht nur eine Einteilung.

Oder anders gesagt: Selbst das Sortieren wird schon wieder zum Streitpunkt.

Der nigerianische Philosoph Jonathan O. Chimakonam meint zum Beispiel, dass sich viele spätere Einteilungen eigentlich ziemlich gut auf die von Henry Odera Oruka (Kenia) zurückführen lassen. Nur heißen die Dinge plötzlich anders. Aus „Ethnophilosophie“ wird dann vielleicht eine „puristische Schule“, aus „professioneller Philosophie“ eine „logische Richtung“.

Das ändert nicht unbedingt den Inhalt, aber es zeigt etwas anderes:
Alle versuchen, Ordnung zu schaffen – aber keiner ist sich ganz einig, wie diese Ordnung aussehen soll.

Und dann kommt Ägypten ins Spiel

Eine Richtung fehlt bei Oruka komplett. Und genau die sorgt nochmal für eine ganz eigene Wendung.

Es geht um die Frage: Hat afrikanische Philosophie vielleicht viel früher angefangen, als man denkt?

Autoren wie George Granville Monah James behaupten ziemlich radikal: Die griechische Philosophie, auf die sich der Westen so gern beruft, sei im Grunde aus Ägypten übernommen worden. „Stolen Legacy“ nennt James das ganz offen.

Auch Henry Olela greift diese Idee auf und versucht zu zeigen, dass afrikanische Denkweisen die Griechen beeinflusst haben könnten.

Man muss diesen Thesen nicht zustimmen. Aber sie erfüllen eine klare Funktion: Sie verschieben den Blick. Plötzlich geht es nicht mehr nur darum, ob Afrika Philosophie hat, sondern darum, welchen Anteil es an der gesamten Philosophiegeschichte hatte.

Und damit wird die Frage politisch. Es geht um Anerkennung, um Geschichte und auch um ein korrigiertes Selbst- und Fremdbild.

Zwei Welten oder doch eine?

Der vielleicht spannendste Einschnitt kommt dann bei Valentin-Yves Mudimbe (DR Kongo).

Er schaut sich all diese Einteilungen an und sagt im Grunde: So richtig hilft uns das alles nicht.

Warum? Weil sie oft unausgesprochen davon ausgehen, dass es zwei Arten von Denken gibt:

  • afrikanisches Wissen
  • westliches Wissen

Und dass diese irgendwie zueinander in Beziehung stehen.

Mudimbe findet das problematisch. Denn sobald man so denkt, steckt man schon wieder in einem Gegensatz fest, der vielleicht gar nicht so klar ist.

Sein Vorschlag ist überraschend einfach: Statt viele Kategorien zu bauen, reduziert er alles auf zwei große Bereiche.

Auf der einen Seite steht das, was stark aus Tradition, Gemeinschaft und kulturellem Erbe kommt.
Auf der anderen Seite das, was kritisch, analytisch und methodisch arbeitet.

Und dann macht er etwas Wichtiges: Er trennt diese beiden Bereiche nicht strikt. Es gibt Überschneidungen. Texte, die beides sind. Ansätze, die sich nicht eindeutig zuordnen lassen.

Mit einem einfachen Bild gedacht: keine Schubladen mehr, sondern zwei Kreise, die sich teilweise überlappen.

Vielleicht ist genau das der Punkt

Wenn man sich all diese Versuche anschaut, merkt man schnell: Es geht nie nur darum, Dinge zu sortieren.

Es geht immer auch darum, zu definieren, was afrikanische Philosophie überhaupt ist.

Oruka sucht nach einer „authentischen“ Form.
Andere erweitern, verschieben oder ergänzen seine Kategorien.
Und Mudimbe sagt am Ende fast beiläufig: Vielleicht gehört alles dazu. Solange es philosophisch gedacht ist.

Das klingt unspektakulär, ist aber ziemlich radikal.

Denn damit verschiebt sich die Frage ein letztes Mal.
Nicht mehr: Welche Schule ist die richtige?
Sondern: Was zählt überhaupt als Philosophie – und wer entscheidet das?

Und genau da wird die Debatte erst richtig interessant.

Dieser Text ist aus einem Kapitel meiner Masterarbeit entstanden — nur etwas weniger akademisch erzählt.
Universität Siegen: Masterarbeit zur afrikanischen Philosophie

Zum vorherigen Beitrag:
→ Welche Richtungen gibt es in der afrikanischen Philosophie?

Weiter zum nächsten Beitrag:
→ Ist afrikanische Philosophie kulturell oder universell?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert