Tansania: Vorkoloniale Überlieferungen

Roman Tansania

Die Familiensaga “Die Kinder der Regenmacher” von 1981 gilt als größter Erfolg des Autors Aniceti Kitereza aus Tansania. Der Roman erzählt den Alltag und die Kultur der Menschen auf der Insel Ukerewe im Victoriasee vor der Kolonialisierung.

Man sagt, dass man ein Buch weglegen soll, wenn es nicht so spannend ist. Die Geschichte des Romans hat mich erst nicht sonderlich in ihren Bann gezogen, aber ich habe das Buch dennoch nicht weggelegt. Denn der afrikanische Hintergrund und die Erzählung aus vorkolonialer Zeit haben mich gepackt.

Original auf Kikerewe

Aniceti Kitereza erlebte die Veröffentlichung seines bekanntesten Romans nicht, denn er starb im Jahr der Veröffentlichung 1981. Das Original verfasste er auf Kikerewe, einer Bantusprache von der Insel Ukerewe im Victoriasee, der Heimat des Autors. Die Originalfassung war bereits 1945 fertig, wurde jedoch nicht veröffentlicht, bevor Kitereza es selbst noch kurz vor seinem Tod ins Kiswahili übersetzte. Der Roman erschien schließlich 1981 in Daressalam, der größten Stadt Tansanias und bis 1974 Hauptstadt.

Traditionen der Insel Ukerewe in Tansania

Kitereza greift im Roman die Traditionen und Lebensweisen der Einwohner der Insel Ukerewe im Victoriasee auf und erzählt sie nah an der afrikanischen mündlichen Tradition. Sein Großvater war ein König und Regenmacher auf der Insel. Dadurch erhielt Kitereza wahrscheinlich seine umfangreiche Bildung. Er gilt als Sprachtalent, das 8 Sprachen konnte und neben Swahili, Englisch, Französisch, Latein und Deutsch auch Theologie studierte.

Ein kanadischer Priester habe ihn dazu motiviert, die vor der Kolonialisierung traditionell mündlichen Überlieferungen zu sammeln und aufzuschreiben. Daraus entstand dieser Roman, “Die Kinder der Regenmacher”. Es ist ein schriftliches Zeugnis mündlicher Überlieferungen, die besonders im afrikanischen Raum erst mit der Kolonialisierung zunehmend schriftlich festgehalten wurden.

Der Roman liest sich zwar nicht wie ein spannender Psychothriller oder packender Fantasy-Roman, doch es ist eine Geschichte, die heute nur noch sehr schwierig rekonstruiert werden könnte. Auf dem afrikanischen Kontinent gibt es eine lange Tradition der Oral-Literatur. Erst der zunehmende Einfluss des Westens durch die Kolonialisierung setzte einen Schwerpunkt auf schriftliche Werke (meist auf Swahili oder Kolonialsprachen wie Englisch und Französisch). Das macht “alte” Romane in ethnischen Sprachen zu so etwas Besonderem – wie auch Thomas Mofolos “Chaka Zulu” von 1910.

Dadurch, dass Kiterezas Roman stark der mündlichen Erzählweise folgt, wird eine weitere Besonderheit des Romans deutlich: Man hat beim Lesen das Gefühl, eine Geschichte erzählt zu bekommen und man steckt mitten drin. Man ist dabei. Zum Beispiel, wenn die Dorfbewohner bei einer Feier am Abend Geschichten erzählen, Musik spielen und tanzen. Man hat den Eindruck, mit am Feuer zu sitzen, die Kiburi-Melodien und Trommeln zu hören und der Folklore zuzuhören.


Erster Teil: Die Ehe

Dieser Roman ist der erste Teil der Familiensaga und behandelt die Ehe von Myombekere und seiner Frau Bugonoka. Ihre Kinderlosigkeit wirft einen Schatten auf die sonst sehr liebevolle Ehe. Bugonoka fühlt sich angegriffen und gedemütigt von dem Gerede der Familien, verlässt Myombekere und zieht zurück zu ihren Eltern.

"Was sich nicht verkaufen lässt, soll beim Eigentümer bleiben" oder "Wer den anderen schlecht erscheint, ist seiner Mutter immer noch gut genug."
Sprichwort

Myombekere gibt nicht auf, unternimmt einen Tagesmarsch zum Haus der Schwiegereltern und bittet sie, Bugonoka wiederhaben zu dürfen. Ihr Vater vereinbart, dass Myombekere sechs Fässer mit Bananenbier sammeln und herbringen soll, dann könnten sie weiterreden.

Die respektvollen Begrüßungstraditionen erzählt Kitereza auffallend ausführlich. Ein Beispiel für die Einzelheiten alltäglicher Traditionen des Kerewe-Volkes.

Omwekenzi, akira omulagurwa! – Wer sich vor Schaden rettet, ist klüger als derjenige, der auf Heilung hofft. 
Sprichwort

Der Roman erzählt weiter, wie die Eheleute wieder zusammenfinden, die Frau zurück zum Hof kommt, sie gemeinsam Hirse anbauen und ernten. Weiter wird berichtet, wie die Nachbarn und Dorfbewohner zusammen kommen, feiern, Bananenbier trinken und sich gegenseitig bei der Ernte unterstützten. Das alles im Ton der nacherzählten vorkolonialen Überlieferungen.

Der zweite Teil im nächsten Roman befasst sich mit der Familie. Das nimmt wie die Inhaltsangabe und Kapitelüberschriften bereits vorweg, dass Myombekere und Bugonoka eine Familie gründen werden. Ihre Kinderlosigkeit findet dank eines traditionellen Heilers ihr Ende. Der Heiler ist ähnlich magisch wie der titelgebende Regenmacher.

Regenmacher in Tansania

Der Regenmacher ist eine Art Schamane und eine wichtige Persönlichkeit des Dorfes. Für die Ernte der Dorfbewohner “zaubert” er in Dürre-Zeiten mit magischen Ritualen Regen herbei. Auch die Dorfbewohner auf der Insel Ukerewe in Tansania richten sich an Regenmacher. Nachdem er ihnen den Auftrag gab, zwei Vögel zu fangen und sie dies vollbrachten, fängt es tatsächlich an zu regnen.

Twingene etura mu kanwa, akukira nakukira! – Daß wir alle gleich sind, ist nur ein Gerede, denn im Wissen unterscheiden wir uns. 
Sprichwort
Magische Rituale der Regenmacher sorgten für Regen für die Ernte. | Foto von Mike Kotsch

Über Tansania

  • Die Vereinigte Republik Tansania entstand 1964 aus dem Zusammenschluss des Festlandes Tanganjikas und der Insel Sansibar.
  • Der Name “Tanganjika” stammt vom Tanganjikasee im Westen Tansanias.
  • Das Festland war von 1885 bis 1918 Teil der Kolonie Deutsch-Ostafrika, der größten und bevölkerungsreichsten deutschen Kolonie in Afrika.
  • Nach dem Ersten Weltkrieg ging das Mandat 1919 an Großbritannien, bevor Tanganjika 1961 unabhängig wurde und sich 1964 mit Sansibar verband.
  • Die Vereinigung zeichnet sich auch im Namen Tan-Sania ab.
  • Die Hauptstadt von Tansania ist Dodoma, doch der Regierungssitz liegt nach wie vor in Daressalam, der größten und wirtschaftsreichsten Stadt des Landes.

Ukerewe-Insel in Tansania

Während der Tanganjikasee mit einer Fläche von 32.893 km² der zweitgrößte See Afrikas ist, belegt der Victoriasee mit mehr als der doppelten Fläche von 68.870 km² den ersten Platz in der Rangliste. Er hat beinahe die Fläche von Bayern oder Irland.

Die Insel Ukerewe am Südufer des Victoriasees ist mit 496 km² die größte Binneninsel Afrikas. Die Menschen leben hauptsächlich von der Landwirtschaft, vornehmlich dem Bananenanbau und dem Fischfang. Zudem wird auch Ackerbau für den eigenen Verzehr auf der Insel betrieben wie zum Beispiel Maniok, Mais, Süßkartoffeln, Mangos, Zitronen und Gemüse.

Auf Ukerewe gibt es nur wenige Touristen, Josien and Franklin teilen ein paar Eindrücke.

Bananenbier aus Tansania

Wie in vielen Gebieten Tansanias gehört auch auf der Insel Ukerewe das Brauen von Bananenbier zur Tradition. Das Bananenbier wird auf Swahili auch “Pombe” und in ethnischen Sprachen Tansanias “Mbege” genannt. Das Bier wird mit der Zugabe von verschiedenen Hirsearten wie Sorghum gebraut, die ebenfalls auf Ukerewe angebaut werden und wovon der Roman erzählt.

Bier ist im Roman das Schmieröl der Geselligkeit. Auf der Suche nach Bier und Gesellschaft treffen sich die Dorfbewohner und tauschen Neuigkeiten aus. Traditionell stellen die Frauen das Bier her. Vor dem Ausschank probiert es der Gastgeber als Erster und gießt sich dann selbst zuletzt ein.

Enzoga tesiga kigambo! – Wo Bier ist, gibt es keine Geheimnisse.
Sprichwort 
Diese Ausgabe erschien 2001 im Unionsverlag in Zürich. Die deutsche Erstausgabe erschien 1991 im Peter Hammer Verlag in Wuppertal.
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