Ich hatte keine Ahnung, wie lange sie schon Gefangene des Majors waren oder welche anderen Bestrafungen sie neben der Benzindusche bereits zu ertragen gehabt hatten, aber sie sahen allesamt erschöpft und mutlos aus.“
Mit Öl auf Wasser erzählt der nigerianische Autor Helon Habila keine klassische Thriller-Geschichte über eine Entführung, sondern einen Roman über ein zerstörtes Land. Die Suche nach einer verschwundenen Frau führt mitten hinein in das Nigerdelta – eine Region, die vom Öl lebt und gleichzeitig daran zerbricht.
Im Zentrum steht der junge Journalist Rufus, der gemeinsam mit dem erfahrenen Reporter Zaq die entführte Isabel Floode finden soll, die Ehefrau eines britischen Ölingenieurs. Entführt wurde sie von Rebellen, die gegen die Ölkonzerne, die Umweltzerstörung und die Korruption kämpfen. Doch je tiefer Rufus ins Nigerdelta reist, desto unwichtiger wirkt der eigentliche Entführungsfall. Stattdessen rückt immer stärker die Landschaft selbst in den Mittelpunkt: verseuchte Flüsse, zerstörte Dörfer und Menschen, die zwischen Militär, Rebellen und Ölindustrie aufgerieben werden.
Habila beschreibt das Nigerdelta fast wie einen sterbenden Organismus. Besonders eindrücklich sind die Szenen, in denen die Folgen der Ölförderung sichtbar werden. An einer Stelle heißt es:
„Diese Inseln waren einmal ein großes Rückzugsgebiet für Fledermäuse; jetzt gibt es hier nur noch da und dort einige Dutzend.“
Auf die Frage warum, zeigt eine Figur nur auf die brennenden Ölfelder am Horizont:
„Abgasfackeln. Die bringen sie um. Nicht nur die Fledermäuse, auch das andere fliegende Getier.“
Gerade solche Momente machen den Roman stark. Habila erklärt die Umweltkatastrophe nicht theoretisch, sondern zeigt, wie sie den Alltag verändert. Das Öl zerstört nicht nur die Natur, sondern auch jede Form von Normalität.
Gleichzeitig zeigt der Roman die Gewaltspirale in der Region. Rebellen sabotieren Pipelines, Militärs reagieren brutal, westliche Ölkonzerne profitieren weiter. Dazwischen leben Menschen, die weder Macht noch Schutz haben. Besonders hart sind die Szenen mit Gefangenen, die von Rebellen mit Benzin übergossen werden:
„Ich hatte keine Ahnung, wie lange sie schon Gefangene des Majors waren oder welche anderen Bestrafungen sie neben der Benzindusche bereits zu ertragen gehabt hatten, aber sie sahen allesamt erschöpft und mutlos aus.“ In einer einförmigen, krampfartigen Choreografie kratzten und rieben sie ihre ausgetrocknete Haut an den Stellen, an denen das Benzin sie verbrannt hatte, an denen es immer noch brannte.“
Rufus und Zaq beobachten vieles davon nur noch als Reporter. Sie sehen die Gewalt, riechen das Benzin, schreiben ihre Geschichten – eingreifen können sie nicht. Genau diese Hilflosigkeit zieht sich durch den ganzen Roman.
Dabei ist Öl auf Wasser kein schneller Politthriller. Der Roman nimmt sich Zeit für Stimmungen, Gespräche und Beobachtungen. Anfangs wirkt das teilweise etwas sperrig, aber je weiter die Reise ins Nigerdelta führt, desto stärker entwickelt der Roman einen Sog. Besonders die Fahrten durch zerstörte Dörfer und verölte Flusslandschaften bleiben hängen.
Was mir an dem Roman besonders gefallen hat: Habila macht aus den Menschen im Nigerdelta keine bloßen Opferfiguren. Trotz Gewalt, Armut und Umweltzerstörung bleiben sie greifbar und lebendig. Gerade dadurch wirkt die Geschichte lange nach.
Diese Ausgabe erschien 2012 beim Verlag Das Wunderhorn GmbH in Heidelberg. Die Originalausgabe erschien 2010 bei Hamish Hamilton in London.

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