Nigeria

Nigeria lesen

Nigeria ist für die afrikanische Literatur vielleicht das, was Nollywood für den Film ist: eine riesige Industrie, aus der ständig neue Geschichten entstehen. Je länger ich nach afrikanischen Romanen suche, desto öfter lande ich wieder bei Nigeria. Immer tauchen neue Namen auf, neue Bücher, neue Stimmen. Manche Romane spielen in überfüllten Städten wie Lagos, andere in kleinen Dörfern oder irgendwo zwischen Tradition und moderner Großstadt. Geschichten über Familie, Religion, Migration, Kolonialgeschichte oder einfach über den Alltag.


1986 bekam Wole Soyinka als erster Autor Afrikas den Literaturnobelpreis. Vor kurzem habe ich eines seiner neueren Bücher gelesen und ehrlich gesagt kaum etwas verstanden. Ich habe manche Seiten zweimal gelesen und hatte trotzdem das Gefühl, dass mir ständig etwas entgeht. Aber vielleicht gehört genau das auch dazu. Dass Literatur manchmal erstmal größer bleibt als das eigene Verständnis.


Und gleichzeitig passiert mit Nigeria etwas Seltsames: Die schiere Menge an Romanen macht vieles irgendwann wieder unscharf. Noch ein berühmtes Buch, noch ein neuer Name, noch eine weitere Empfehlung. Während ein einzelner Roman aus dem Niger oder aus Tschad überhaupt erst darum kämpfen muss, gefunden zu werden. Vielleicht bleiben mir diese Bücher deshalb oft länger im Kopf. Weil man beim Lesen spürt, wie weit sie gereist sind, bis sie irgendwann irgendwo auftauchen.


Im Moment versuche ich deshalb eher, aus jedem afrikanischen Land wenigstens ein Buch zu lesen, bevor ich mich tiefer in einzelne Literaturen verliere. Gerade dadurch verändert sich langsam dieses einfache Bild von „Afrika“. Statt eines einzigen großen Kontinents entstehen plötzlich viele verschiedene Welten, Stimmen und Arten zu erzählen.