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David Diop: Nachts ist unser Blut schwarz
Gewinner des International Booker Prize 2021

David Diop Nachts ist unser Blut schwarz

Deep-Dive von David Diop in die Geschichte der Senegalschützen im Ersten Weltkrieg. Nachts ist unser Blut schwarz. Egal, ob blauäugiger Deutscher oder Westafrikaner in Frankreichs Armee – nachts ist jedes Blut schwarz. Nur die Machete macht einen Unterschied.

Alfa ist zwanzig, als ein französischer Offizier ihm ein Gewehr für die eine Hand und eine Machete für die andere gibt. Als „Schokosoldat“ soll er den deutschen Gegnern damit Angst einjagen. Um wilder zu wirken, müssen alle Senegalschützen eine Machete tragen.

Erst feiern die Franzosen und anderen Senegalschützen ihn, wie er blutverschmiert am Abend als Letzter in den Schützengraben zurückkehrt. Die abgehackte Hand des Gegners in seiner Hand belustigt sie. Denn sie wissen ja nur, dass Alfa immer als Letzter zurückkommt. Den Schock in den aufgerissenen, blauen Augen erlebten sie nicht. Aber je mehr Hände Alfa ins Camp trägt, desto skeptischer werden sie.

Alfa erlöste den gegnerischen Soldaten, bevor er ihm die Hand nahm. Doch seinen Seelenbruder Madema konnte er nicht erlösen. Stundenlang flehte sein Kindheitsfreund ihn an, aber er konnte ihn nicht töten. Mademba lag verwundet auf dem Boden und starb mit seinen Gedärmen neben ihm im Matsch. Jetzt schleicht Alfa nach dem Kampf bis zum deutschen Schützengraben und legt sich auf die Lauer. Kurze Zeit später schaut er in die aufgerissenen blauen Augen, während er die Gedärme im Matsch ausbreitet.


Senegalschützen im Ersten Weltkrieg

Der erste Teil des Romans spielt im Ersten Weltkrieg, aber der Kriegsort ist nicht klar. Alfa nennt es nur „Land vom alten Niemand“. In Afrika wurde der Erste Weltkrieg hauptsächlich in den deutschen Kolonien ausgetragen. In Frankreich kämpften mehr als hunderttausend Senegalschützen aus den Kolonien. Senegal wurde erst 1960, im Afrikanischen Jahr, unabhängig. „Senegalschütze“ ist Sammelbegriff für alle afrikanischen Soldaten, die für Frankreich kämpften – nicht nur aus Senegal.

David Diop Erster Weltkrieg
Die französische Stadt Lille während der deutschen Besatzung 1916 | Foto von Museums Victoria

Feldpost von David Diop

Für die englische Ausgabe erhielten David Diop und Anna Moschovakis den International Booker Prize 2021. Eine Übersetzung sei immer verfälscht, erklärt Alfa im Roman. Sie sei immer eine kleine (wenn auch notwendige) Lüge. Da jedes Wort mehrere Ebenen hat, müsse die Übersetzung extrem gut sein.

In Frankreich stand der Roman auf einigen Shortlists und gewann mehrere Preise. Darunter waren auch ein Literaturpreis aus den Niederlanden und der Prix Ahmadou Kourouma aus der Schweiz. Im Nachwort schreibt David Diop, dass er mit dem Roman eine Art afrikanische Feldpost kreieren wollte. Von der Feldpost europäischer Soldaten sei viel überliefert, aber von den Senegalschützen höchstens Administratives.


Seelenbruder

Der zweite Teil des Roman spielt in der Heimatsstadt von Alfa im Senegal. Er und Mademba sind Kindheitsfreunde aus Gandiol. Mit zwanzig Jahren schreiben sie sich als Senegalschützen auf Lebenszeit bei der französischen Armee ein. Sie hoffen, nach dem Krieg französische Staatsbürger und in St. Louis etwas Großes zu werden. Außerdem wurde ihnen eine dicke Pension versprochen.

Markt in St. Louis | Bild von DEZALB

Mit Madembas Tod wurde Alfa völlig seinen Wurzeln entrissen. Er wird als Wilder dargestellt, Schokosoldat genannt und soll mit einer Machete töten. Sind seine Hände gewachsen oder hat er im Vergleich zu den Franzosen einfach riesige Hände? In dem Kulturclash verliert Alfa sich selbst. Und seine Wut macht ihn zum Seelenfresser. Alles, was er noch sicher hat, ist sein Körper.

Sie fragen mich nach meinem Namen, doch warte ich, dass sie ihn mir verraten. 

Klischeehaft afrikanisch von David Diop?

Aha! Es gibt also so etwas wie klischeehaft afrikanisch – ganz beiläufig erwähnt am Ende der Seite. Ich weiß nicht, ob es klischeehaft ist, aber einige Dinge kamen auch in anderen Romanen aus Afrika vor.

  • Wiederholung
    Sehr typisch-afrikanisch sind die Wiederholungen, mit denen es David Diop gelegentlich übertreibt. Dafür wechseln sich die Wiederholungen bei ihm ab: Im ersten Teil ist noch viel von „Bei der Wahrheit Gottes“ zu lesen, im zweiten Teil heißt es viel häufiger „Ich habe gelernt“.
  • Erzählung
    Die Wiederholungen sind Teil der Erzählung. Der Stil ist zwischendurch direkter: Alfa duzt einen als Ich-Erzähler zwischendurch. Die Erzählungen sind aber keine mündlichen Überlieferungen (wie in Die Kinder der Regenmacher). + Diop schreibt im Nachwort, dass er eine fiktive Art von Feldpost erschaffen wollte.
  • Kürze
    In der Kürze liegt die afrikanische Würze: Der Roman hat nur knapp 160 Seiten und durch den leichten Erzählstil ist er schnell gelesen (wie übrigens auch Die Spur des Bienenfressers).
  • Typisch-afrikanisch
    Es kommen auch typische Inhalte wie Legenden, Totems oder das Gesetz der Ahnen vor. Die Legenden allerdings etwas knapp auf den hinteren Seiten.

Das Gesetz der Ahnen

Das Gesetz der Ahnen ist das der Menschlichkeit, mit dem Alfa aufgewachsen ist. Die Stimme der Pflicht, die aus dem Gesetz spricht, verbot ihm, seinen Seelenbruder zu erlösen. Jetzt im Nachhinein bereut er, auf sie gehört zu haben. Menschlich wäre gewesen, Mademba zu töten. Im Krieg lerne man, selbst zu denken. Alfa wirkt vom Traditionellen enttäuscht.

Aber nicht vom traditionellen Ackerbau in Gandiol! Ein Farmer weigert sich, bei dem übertriebenen Erdnuss-Monokultur mitzumachen. Vielfalt und Selbstversorgung sind entscheidend, besonders in extremen Dürreperioden. Und welchen Anschein hat die Gastfreundschaft, wenn man nichts zu Servieren hat?

Bäume im Roman

Diop bedient noch ein weiteres typisch-afrikanisches Klischee. Im Roman kommen wiederholt Mango- und Affenbrotbäume vor.

Affenbrotbaum Baobab im Senegal | Bild von DEZALB
Diese Ausgabe erschien 2019 beim Aufbau Verlag in Berlin.

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