Aya Cissoko: Kein Kind von Nichts und Niemand

By

1–2 Minuten

To read

„Denn wenn uns eigentlich die Worte fehlen, wir aber dennoch riskieren, etwas zu sagen, führt dies zu neuem Schweigen, zu neuer Wut.“ 

Aya Cissoko schreibt keinen klassischen Roman mit großer Handlung. Interessant ist vielmehr, wie brutal ehrlich sie über das Leben zwischen zwei Welten spricht. In ihrem Brief an die Tochter erklärt sie, wie es ist, in Frankreich geboren zu sein und trotzdem ständig als „fremd“ zu gelten. Der eigentliche Kern des Romans ist die Frage: Was macht Rassismus mit einem Menschen über Jahre hinweg?

Das Interessante am Roman ist, dass Aya Cissoko keine Opfergeschichte erzählt. Sie schreibt wütend, provokant und ohne Mitleid mit sich selbst. Man merkt, dass hier eine ehemalige Boxweltmeisterin schreibt: Jeder Satz wirkt wie ein Schlag.

Cissoko zeigt nicht nur offene Diskriminierung, sondern auch den inneren Druck, sich anzupassen, leiser zu werden und die eigene Herkunft zu verstecken. Genau deshalb wirkt der Text so intensiv. Er klingt nicht wie Literatur, sondern wie jemand, der endlich ausspricht, was sich lange angestaut hat:

Denn wenn uns eigentlich die Worte fehlen, wir aber dennoch riskieren, etwas zu sagen, führt dies zu neuem Schweigen, zu neuer Wut.

Spannend ist auch der Kontrast ihrer Person: Eine ehemalige Boxweltmeisterin schreibt keinen harten Sportroman, sondern einen sehr persönlichen Text über Verletzlichkeit, Familie und Wut. Gleichzeitig tauchen immer wieder malische Sprichwörter und Erinnerungen auf, die zeigen, wie stark ihre afrikanischen Wurzeln geblieben sind:

Wenn ich Dinge nicht rasch und pünktlich erledigte, sagte deine Großmutter zu mir: „Vor lauter in die Höhe pissen, wirst du am Ende selber nass!“

Gerade weil der Roman kurz ist, wirkt jeder Gedanke direkt. Kein unnötiges Drama, sondern rohe Erfahrungen über Herkunft, Stolz und das Gefühl, nirgendwo ganz dazuzugehören.

Es kommt auch die Zeit, wo du mir nicht mehr so viel Zeit widmen wirst, das ist die normale Ordnung der Dinge. Ich weiß, dass du mir nie ganz gehören wirst. Das habe ich, ebenso wie meine Mutter, sehr früh begriffen.


Diese Ausgabe erschien 2023 beim Verlag Das Wunderhorn GmbH in Heidelberg. Das Original Au nom de tous les tiens erschien 2022 bei Éditions du Seuil in Paris.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert